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31. Dezember 2009
Von Kammer-Core bis Märchen-Metal
3 Bands mit Rock-Theater im Capitol
Es war ein Abschluss des hannoverschen Konzertjahres 2009 der rund 1000 Menschen begeisterte, verzauberte und vereinzelt auch verstörte. Die Grailknights, Coppelius und Letzte Instanz zelebrierten am 29.Dezember im Capitol ein mehr als fünfstündiges Rocktheater, irgendwo zwischen „Kammer- Core des 19.Jahrhunderts“ (Coppelius) und Märchen-Metal (Grailknights). Zum krönenden Abschluss lieferte die Letzte Instanz eine bunt-dunkle Melange aus Folk, Mittelalter-Rock, Neuer deutscher Härte und Gothic mit Metalelementen.
Für die Mehrheit bot das Konzert Vielfalt, hohe Kunst und originelle Unterhaltung mit, für einige im Publikum war einiges weder Fisch noch Fleisch, was musikalisch passierte. Die weniger Begeisterten zogen sich aber artig zur Getränkeaufnahme in hintere Gefilde des Capitol oder in die so genannte Raucher-Lounge zurück. Dort vertiefte man sich in Gespräche oder entspannte.Auf und vor der Bühne gibt es viel Spektakel und gleich zu Beginn des Abends den immer währenden Kampf Gut gegen Böse. Die Grailknights sind zu einer ihrer raren Hannover-Schlachten angetreten, legen das Capitol dann aber nicht in Schutt und Asche, was den Veranstaltern und den Besuchern für zukünftige Events sicher ganz recht ist. Der ewige böse Gegenspieler der Grailknights, der gefürchtete Evil Dr.Skull, versucht über weite Strecken, die Gralsritter in ihrer Mission empfindlich zu stören, den Wohlklang ihrer Lieder und die sonst packende Ausdruckskraft der melodischen Death-Metal-Weisen zu sabotieren.
Der Duke Of Drummington findet sich auf der rechten Bühnenseite in den Hintergrund gedrängt im Halbdunkel trommelnd wieder und was aus den Boxen in den Saal dringt, erinnert nicht an einen für Metal angemessenen, kräftigen, druckvollen, lauten und brillanten Sound, sondern an Irgendwas, das man in eine Sardinenbüchse zu quetschen versucht um dann eine Wolldecke darüber zu stülpen. Erfahrene Konzertbesucher kommentieren so was dann nüchtern mit: Eingeschränkter, reichlich indifferenter Vorprogramm-Sound zum PA-Freiblasen. Dieses Phänomen beobachtet man dann und wann häufiger bei Konzerten, bei denen mehre Bands auftreten, gerade auch im Capitol. Ist Dr.Skull hier etwa öfter mit seinen finsteren Machenschaften unterwegs? Hat er in den Katakomben des Clubs am Ende gar einen bislang noch unentdeckten Unterschlupf gefunden?
Aber die Grailknights lassen sich gewöhnlich von Dr.Skull nicht einschüchtern oder gar den Spaß verderben. Da ist ja noch die treue und hübsche Bierstute Zapf-Beauty, die den vielköpfigen und munter feiernden Battlechoir vor der Bühne brav mit Flüssigem versorgt, da sind vor allem Sir Optimus Prime, Lord Lightbringer, Duke Of Drummington und MacDeath die einen lustigen und stimmungsvollen Metalreigen in Gang setzen, sich mit an mittelalterliche Aerobic erinnernde Übungen für die sportliche Ertüchtigung ihres Battlechoirs stark machen, um dann auch mal, auf fast folkloristische Weise, ein Akkordeon tönen zu lassen. Laute Zugaberufe nach dem Auftritt und die gibt es in Form eines kräftigen Schlucks aus dem heiligen Gral. Im Capitol konnte Evil Dr.Skull zwar reichlich Boden gut machen, bei der nächsten Hannover-Schlacht, am 20.März im MusikZentrum dürfte es den Grailknights aber wohl gelingen, nicht nur –wie heute- knapp die Oberhand zu behalten, sondern Skull und sein Gefolge endgültig in die Knie zu zwingen.
Nun wird es Zeit, sich in Schale zu schmeißen, nicht nur Coppelius tragen ihre Musikkunst in Gehrock, Frack und Zylinder vor, auch einige Herrschaften im Auditorium erscheinen stilecht, als würde man sich auf einer Veranstaltung im Jahre 1815 oder wenig später befinden. Ob man es nun Metal oder „Kammer-Core“ nennen möchte, was Coppelius hier bieten, es ist in jedem Fall außergewöhnlich, hohe Kunst und gediegenes Theater, wo selbst ein Buttler mit dem Putzen der Instrumente sein Möglichstes tut damit alles auf hohem Niveau stattfindet. Schlagzeug, Kontrabass, Cello, Klarinetten, mitunter auch Gesang, in dieser Besetzung spielen Coppelius eine Form des etwas frickligeren Metals der anspruchsvollen Sorte. Ausflüge in Klassik oder progressive Rock Gefilde bleiben dabei auch nicht aus.Fans von Iron Maiden, Dream Theater oder auch der frühen Genesis mit Peter Gabriel hätten an dem Coppelius-Bühnen-Spektakel sicher auch ihre wahre Freude. Leichte Kost ist das nicht, was die Band bietet, für einige ist das zu sperrig, unzugänglich, andere sind schlicht begeistert. In jedem Fall hat die Vorstellung der Berliner Band Stil, Flair, Originalität und Eigenständigkeit hoch drei.
Letzte Instanz sind der Headliner dieses letzten Konzertes im Jahr 2009 im Capitol. Die Band ist seit Jahren regelmäßiger Stammgast auf verschiedenen Bühnen der Stadt. Die Show gerät farbenfroh, dunkel, spannend und stimmungsvoll zugleich. Die Lichtshow liefert kräftige Effekte, der Sound ist brillant, so, wie man sich das bei einem Konzert dieser Größenordnung vorstellt und wünscht. Letzte Instanz halten sich musikalisch viele Optionen offen, spielen mehrere Karten aus, tanzen auf einigen Hochzeiten. Man muss die musikalische Vielfalt mögen, sonst kann die Band ähnlich schwer zugänglich sein, wie etwa Coppelius.
Die Band ist umtriebig in den Lagern Folk, Mittelalter-Rock, NDH, Gothic und Metal unterwegs, dürfte auch aus all diesen Ecken Menschen abholen, aber auch zurücklassen. Der musikalische Crossover à la Letzte Instanz birgt einige Risiken, sich aber nicht eindeutig festzulegen, kann andererseits auch als künstlerisches Selbstbewusstsein gedeutet werden. Die vielen hundert Fans der Band feiern die Letzte Instanz enthusiastisch. Es gibt auch weit nach Mitternacht mehrere Zugaben und ein öffentliches Dankeschön von Sänger Holly an den Veranstalter für diesen besonderen Konzertabend.
Da mag man sich glatt anschließen. Der Abend war künstlerisch sehr speziell, außergewöhnlich und stimmungsvoll. Für einen guten Jahresabschluss war es unterm Strich eine gelungene Konzertveranstaltung.
Andreas Haug Fotos: Brigitte Haug
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